Internationale Fortbildungen

Fortbildungsprogramm in Kooperation mit dem DAAD für chinesische ÄrztInnen an der Charité

PD Dr. I. Rundshagen, PD. Dr. Willehad Boemke, Prof. Dr. C. Spies

Hintergrund

Derzeit findet in China eine rasante Veränderung der Lebensumstände statt, die u. a. Folge der zunehmenden Technisierung ist. Das bedeutet auch eine ganz besondere Herausforderung für die Medizin. So treten als Be­gleiterscheinung der Motorisierung der Gesellschaft jetzt viele Verkehrsunfälle auf, bei de­nen PatientInnen schwerstverletzt werden. Eine adäquate medizinische Versorgung, die in vielen Fällen lebensrettend sein könnte, ist derzeit nicht gesichert. Ebenso besteht in der ge­burtshilflichen Medizin und der Transplantationsmedizin ein großer Bedarf, die medizini­schen Fortschritte der letzten Jahrzehnte auf diesen Gebieten auch in China zu nutzen. Während inzwischen vielerorts in China eine hohe technische Ausstattung im medizinischen Bereich vorhanden ist, fehlt es aber an ÄrztInnen, die in der Anwendung dieser Technik geschult sind. Gerade in der Disziplin der Anästhesiologie hat der Einsatz von Technik eine große Bedeutung. Die kontinuierliche Ausbildung aller Anästhe­sistInnen im Umgang mit technischen Neuerungen hat in den Industrienationen zu einer ho­hen Sicherheit und Qualität in der Patientenversorgung geführt. So wird das Risiko eines töd­lichen Narkosezwischenfalls in Deutschland geringer als 1:200.000 angesetzt und liegt damit deutlich unter dem Risiko, hierzulande einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang zu er­leiden.

Projekt

Es handelt sich um ein dreijähriges Weitbildungsprogramm, in dessen Mittelpunkt die praxisbezogene Fortbildung für chinesischen AnästhesitInnen und IntensivmedizinerInnen steht. Dazu werden die chinesischen KollegInnen in den täglichen Ablauf der Patientenversorgung in der Klinik für Anästhesiologie integriert. In den ersten zwei Jahren steht Ihnen ein ärztlicher Tutor jeweils zur Seite. In Abhängigkeit vom jeweiligen Ausbildungsstand werden die KollegInnen individuell gefördert, alle verschiedenen Facetten der ärztlichen Kompetenzen betreffend. Daraus ergibt sich, dass die KollegInnen selbstverständlich nicht nur mit den technischen und rein medizinischen Aspekten konfrontiert werden, sondern auch mit den ethisch-moralischen Fragen in der anästhesiologischen und intensivmedizinischen Pa­tientenversorgung. Ebenso machen sie sich mit dem deutschen Gesundheitssystems vertraut, das sich auf dem Gebiet der ärztlichen Dokumentation und Qualitätssicherung, aber auch auf ökonomische Aspekte der Patientenversorgung auswirkt. Ein ganz besonderer Aspekt ergibt sich noch daraus, dass es in China wenig anästhesiologisches Pflegepersonal gibt. Die Team-Arbeit zwischen Pflegepersonal und AnästhesistInnen, die in allen Bereichen der Anästhesie in Deutschland gepflegt wird, lernen die chinesischen KollegInnen in der Tagesroutine kennen. Eine Teilnahme an der studentischen Lehre ist ebenfalls im Pro­gramm integriert, um Lernen mit dem Lehren zu verbinden. Es gibt auch die Möglichkeit, die umfangreichen Forschungsaktivitäten in der Klinik für Anästhesiologie kennen zu lernen, im Vordergrund des Programms steht aber die klinische Anästhesiologie und Intensivmedizin. Angestrebt wird, dass die chinesischen KollegInnen eine zunehmende Selbständigkeit (unter Supervision) erreichen.

Für die MitarbeiterInnen der Klinik für Anästhesiologie ergibt sich aus dem Projekt die di­rekte Zusammenarbeit mit KollegInnen aus einem anderen Kulturkreis. Alle Aspekte des ärztlichen Handelns, die primär kulturell geprägt sind, werden dabei offensicht­lich und zu gegenseitiger Diskussion und Austausch führen. Außerdem wird es zu einer Re­flektion über das eigene Handeln und die Selbstverständlichkeiten im eigenen Kulturkreis führen. Die Umsetzung des Programms erfordert viel Verständnis, Unterstützung aber auch Achtung für die chinesischen KollegInnen, die sich nicht nur der fachlichen Herausforderung stellen, sondern auch dem Aufwand, die deutsche Sprache zu erlernen und hier zu leben, um in der Patientenversorgung tätig zu sein. Wenngleich die Klinik für Anästhesiologie bereits über viel Erfahrung im Bereich der studentischen Lehre mit internationalen Studierenden und Austausch ärztlicher Mitarbeiter mit europäischen Universitäten pflegt, so besteht nun erstmals die Möglichkeit, sich mit einem ostasiatischen Kulturkreis in der direkten ärztlichen Zusammenarbeit aus­einander zu setzen. Es werden in der Charité viele PatientInnen anderer Nationaltäten behan­delt. Die Behandlung chinesischer PatientInnen wird für uns gemeinsam mit den chinesischen KollegInnen erleichtert sein, insbesondere, wenn sprachliche Barrieren zu überwinden sind. Für die chinesischen KollegInnen besteht die Möglichkeit, im Rahmen der Weiterbildungs­veranstaltungen der Klinik über ihre Tätigkeit in China, über anästhesiologische und inten­sivmedizinische Aspekte in der Heimat und das chinesische Gesundheitssystem zu berichten.

Derzeitiger Projektstand

Mitte November 2005 haben acht chinesische Ärzte und Ärztinnen das Fortbildungsprogramm in der Klinik für Anästhesiologie (Campus Mitte und Campus Virchow) der Charité begonnen. Nachdem bereits im Goethe Institut in Peking ein Grundkurs in der deutschen Sprache über drei Monate absolviert wurde, findet in der ersten zwei Monaten berufsbegleitend ein Deutschkurs statt. Die chinesischen KollegInnnen werden zusammen mit ihren TutorInnen in den unterschiedlichen Bereichen der Klinik eingesetzt.

Perspektiven

Bisher handelt es sich um ein einmaliges Programm. Wenn die Programmziele erreicht wer­den, ist eine Fortsetzung des Programms geplant. Bei Erfolg kann sich eine intensive Kooperation mit den entsendenden Institutionen in China entwickeln. Es ist wünschenswert, dass so Kooperationen initiiert werden, die neben der Krankenver­sorgung die Aspekte der Lehre und Weiterbildung der ÄrztInnen als auch wissenschaftlichen Diskurs ermöglichen.

Kontakt

Anfragen per E-Mail an Frau Priv.-Doz. Dr. I. Rundshagen.