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04.09.2017

Risiko Narkose

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Risiko Narkose

Viele Patienten sind nach einer Operation verwirrt, manche finden nicht zurück in den Alltag. Eine verkannte Ursache: das Delirium.
Frau Prof. Spies im Interview mit der Zeitschrift "Gong"

Für manchen Patienten beginnt nach der Narkose ein Albtraum: Sie sind desorientiert, sehen Zerrbilder, leiden unter Wahnvorstellungen, die sie als real erleben. Sie haben Angst, können sich aber kaum artikulieren. Das postoperative Delirium, kurz Delir genannt, gehört zu den häufigsten OP-Folgen, und manche werden das Trauma nie wieder los. Doch viele Krankenhäuser vernachlässigen nach wie vor die Gefahr. Studien zufolge bleiben bis zu 84 Prozent der Delirien unerkannt. Der Begriff „Durchgangssyndrom“ verharmlost das Phänomen. Denn der Zustand ist keineswegs nur vorübergehend: Bei der Entlassung leiden noch bis zu 40 Prozent der Operierten unter kognitiven Störungen. Unbehandelt bleiben oft Spätfolgen an Gehirn und Nerven. Operation gelungen, Patient Pflegefall? Forscherteams sind dem Delir auf der Spur und haben bereits erste Ergebnisse, wie sich die schlimmen Folgen besser abwenden lassen.

Das böse Erwachen
Wer eine Vollnarkose bekommt, den treibt unter anderem die Sorge um, nach dem Aufwachen nicht mehr man selbst zu sein. „Das Delir ist etwas Schwerwiegendes“, sagt Prof. Claudia Spies, Leiterin der Klinik für Anästhesiologie, Schwerpunkt operative Intensivmedizin, an der Berliner Charité. Seit Jahren erforscht sie das postoperative Delir. Manche Patienten randalieren, wollen das Bett verlassen, reißen die Schläuche ab. Doch die Not vieler bleibt unentdeckt. „Eine große Mehrzahl der Delir-Patienten sind hypoaktiv“, so Spies. „Selbst Angehörige können dann übersehen, dass die Patienten leiden.“ Sie liegen apathisch im Bett, ihre Reaktionen sind verzögert, der Schlaf-wach-Rhythmus kommt durcheinander. Nicht so schlimm? Für die Betroffenen schon. Sie merken, dass sie ihr Denken, Reaktionen und Emotionen nicht wie gewohnt im Griff haben. Die verzerrte Wahrnehmung macht Angst, das Gefühl, sich nicht mitteilen zu können, noch mehr. Bei Delir-Patienten kommt es häufiger zu medizinischen Komplikationen Die Hirnleistung ist oft noch ein Jahr
nach der OP messbar beeinträchtigt. Für manche endet der Horror in der Demenz.


Die größten Risikofaktoren
Die Forschung steht noch am Anfang, doch viele Ursachen für ein Delir sind bereits bekannt. Besonders das Alter spielt eine Rolle. Kinder und Senioren sind gefährdet, da ihr Hirnstoffwechsel anfälliger ist. „Jede
Vollnarkose kann das Entstehen eines Delirs begünstigen“, so Wissenschaftlerin Spies, „insbesondere aber Notfalleingriffe, lange Operationen und zu tiefe Narkosen.“ Beatmete Patienten sind zu 80 Prozent vom Delir betroffen. Infektionen, Vorerkrankungen und kurz nach der OP notwendige Zweiteingriffe erhöhen das Risiko. Auch Kleinigkeiten tragen zum Delir bei – etwa ein Blasenkatheter. „Er macht immobil, was die Reorientierung erschwert, und vergrößert die Infektionsgefahr, die ein weiteres Delir-Risiko ist“, plädiert Prof. Claudia Spies für dessen möglichst frühzeitige Entfernung. Auch bestimmte Gruppen von Beruhigungsmitteln gelten als Auslöser.


Dem Delir vorbeugen
Eine Pille gegen das Delir gibt es nicht, wohl aber Prävention: Je genauer ein Patient über die bevorstehende Operation informiert ist, desto besser kann er sich darauf einstellen und gerät nicht so leicht „aus der Spur“ (lateinisch „de lira“). Die Vorgespräche sind daher wichtiger, als es im routinierten Klinikalltag scheint, wo im Schnelltempo die Einverständnis-Erklärung zur Unterschrift hingelegt wird. „Es sollten vorab die physiologischen Reserven des Patienten erfasst werden“, rät Prof. Spies. „Wer etwa unsicher geht, kann vor der OP ein Muskelaufbau-Programm bekommen, damit er sich anschließend leichter bei der Mobilisation tut.“ Sie empfiehlt nachzufragen, ob die Klinik ein Delir-Monitoring betreibt. „Schon im Aufwachraum sollte ein Screening gemacht werden“, so Prof. Spies, die an einer europäischen Leitlinie für Kliniken zur Vermeidung des Delirs mitgearbeitet hat. Es gibt einen einfachen Fragebogen (Nu-DESC), mit dem Angehörige ein Delir erkennen können (Formular unter anaesthesieintensivmedizin.charite.de/fuer_patienten/intensivstation/nu_desc, mehr Infos auch beim Deutschen Delir-Netzwerk unter delir-netzwerk.de). Manchmal verringern schon kleine Maßnahmen die Gefahr. So sollten ältere Patienten vor der Operation maximal zwei Stunden ohne Flüssigkeit bleiben und am Vorabend möglichst kein Schlafmittel bekommen. Banal, aber oft vergessen: Brille oder Hörgerät zurückgeben, damit der Operierte sich in der ungewohnten Umgebung zurechtfinden kann. Insgesamt bessert eine ruhige Atmosphäre das Delir. Manche Kliniken halten Intensivzimmer bereits frei von piepsenden Apparaten. Sehr wichtig sind die Angehörigen. „Da sein, Hand halten, zuhören“, so Prof. Spies. Bekannte Gesichter beruhigen, vertraute Bilder tun gut. „Teilen Sie es dem Pflegepersonal mit, wenn Sie Veränderungen im Verhalten bemerken“, rät sie. Für den Patienten Tagebuch zu führen kann diesem
später helfen zu verarbeiten, was tatsächlich mit ihm passiert ist.

von Bettina Koch, aus "Gong" vom 19.8.2017

Kontakt

Univ.-Prof. Dr. med. Claudia Spies

Klinikdirektorin (CCM/CVK)CharitéUniversitätsmedizin Berlin
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin

Postadresse:Augustenburger Platz 113353 Berlin

Campus- bzw. interne Geländeadresse:Mittelallee 3

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