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30.12.2017

Die neue Gesundheitsarchitektur

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Baukunst als Heilkunst: Planer moderner Kliniken und Praxen wollen beitragen zur Genesung der Patienten.

Healing Architecture heißt ihr Versprechen.

Nicht das Gefühl des Architekten soll entscheiden, sondern wissenschaftliche Evidenz. Das Modell erinnert ein bisschen an einen Schweizer Käse. Sechs rundliche Löcher ziehen sich durch seine Holzschichtplatten. Diese Löcher sollen einmal mehr Lebensqualität bringen – für kranke Kinder, aber auch für Ärzte, Pfleger und Eltern. In einigen Jahren sollen sie nämlich große Innenhöfe sein im neuen Haunerschen Kinderspital der Uniklinik München auf dem Campus Großhadern. „Schauen Sie“, erklärt Architektin Christine Nickl-Weller, „hier kommen Sie hinein über einen großen grü - nen Patio. Sie werden möglichst lange gar nicht merken, dass Sie in einem Krankenhaus sind.“ Nickl-Weller, 66, ist so etwas wie die Grande Dame der deut - schen Klinikarchitektur. Die Professorin am deutschlandweit einzigen einschlägigen Lehrstuhl in Berlin baut gemeinsam mit ihrem Mann seit bald 30 Jahren in aller Welt Krankenhäuser. Sie sollen nicht nur funktional und schön sein. Nickl-Weller und ihre Kollegen haben einen viel höheren Anspruch: Die Gebäude sollen zur Heilung beitragen. Kranke fühlen anders „Healing Architecture“ heißt der derzeit schillerndste Begriff in der Branche. Neu ist, dass sich die Fachleute nicht nur auf Intuition und ästhetisches Gespür verlassen, sondern auf wissenschaftliche Studien. „Evidenzbasiert“ werden die Krankenhäuser der jüngsten Generation geplant. Das überzeugt auch immer mehr Kostenträger von den heilbringenden Gebäuden. Jeder hält sich gern in schönen Räumen auf, aber wer krank ist, fühlt noch einmal anders. Er sucht einerseits Schutz, will aber den Überblick behalten, nicht eingesperrt sein und auch nicht vergessen werden. Der Patient wird empfindlicher gegenüber zu grellem oder zu schwachem Licht, er leidet mehr, wenn es zu kalt oder warm ist, unangenehm riecht oder zu laut ist. „All das verursacht Stress, und im End - effekt geht es bei unserer Arbeit immer darum, Stress und Angst zu reduzieren“, sagt Christine Nickl-Weller. Beides behindere die Heilung. Natur und Tageslicht wollen die Architekten ins Haus holen und zugleich Orientierung bieten. Der Kranke darf sich nicht verloren fühlen, soll möglichst viel Kontrolle und Selbstbestimmung behalten. „Wer Angst hat, nicht mehr in sein Zimmer zurückzufinden, verlässt es nicht“, erklärt Christine Binswanger, Senior Partner bei Herzog & de Meu ron. Und das müsse Architektur verhindern, denn mobile, aktive Patienten werden schneller wie - der gesund. Binswanger hat Standards gesetzt, als sie vor gut 15 Jahren gemeinsam mit Kollegen das Schweizer Rehab-Zentrum für querschnittsgelähmte und hirn - verletzte Patienten entwarf. Jeden der Innenhöfe hat sie unterschiedlich gestaltet, damit die Patienten sich zurechtfinden. Plexiglas-Halbkugeln in der Decke über den Betten ermöglichen auch den liegenden Kranken den Blick in die Welt. Weni - ger auf einen Wow-Effekt von außen als auf die Wahrnehmung von innen ist das Haus geplant. Angenehme Begegnungsräume sollen die Patienten aus ihren Zimmern locken. Der Trend geht zu Einzelzimmern – weniger weil man den Kranken mehr Luxus gönnen möchte, sondern weil sie allein besser schlafen und offener mit Ärzten und Pflegern sprechen, weil das Personal seltener Fehler bei der Medikamentenabgabe macht und vor allem, weil die Infektionsgefahr deutlich geringer ist. Eine kanadische Studie hat berechnet, dass mit jedem Zimmernachbarn das Risiko, sich mit einem typischen Krankenhauskeim anzustecken, um zehn bis elf Prozent steigt. Skandinavische Länder erlauben in Neubauten deshalb nur noch Einzelzimmer. In Dänemark baut Herzog & de Meuron gerade das neue Nordsjælland Hospital. Vier Stockwerke hoch, 570 Einzelzimmer, geformt wie ein riesiges Kleeblatt um einen großen Innenhof herum. Jedes Zimmer hat bodentiefe Fenster ins Grüne, die meisten einen Balkon. „Im Inneren ist der Bau eine hochflexible Maschine“, betont Christine Binswanger. „Die Medizin entwickelt sich rasend schnell, das Gebäude steht aber vielleicht 100 Jahre, muss sich also immer wieder anpassen können.“ Design bringt Ruhe Neue Gebäude auf der grünen Wiese sind das eine. Aber was tun mit den Klinikkasernen aus dem vorletzten Jahrhundert oder mit den Bettenburgen aus den 60erJahren? In Berlin haben sich die Charité, das Architekturbüro Graft und das Mediendesign-Studio Art + Com zusammengetan, um zu untersuchen, wie die Patientenzimmer einer Intensivstation heilsamer gestaltet werden könnten. Sie versteckten Apparate hinter Wandpaneelen, lagerten piepsende Monitore in einen Kontrollraum aus, stellten schall - schluckende Trennelemente zwischen die Betten und installierten über jedem Patientenbett ein 15 Quadratmeter großes LED-Display. Es simuliert, den aktuellen Wetterdaten folgend, einen Himmel mit Blätterdach und Wolken, Wind oder Sonnenschein. Sein Licht beeinflusst die Melatoninproduktion im Körper und hilft, den Tag-Nacht-Rhythmus aufrechtzuerhalten. „Dieser Rhythmus ist enorm wichtig für die Immunabwehr, aber auch für die Schlafqualität“, erklärt Claudia Spies, Leiterin der Klinik für Anästhesiologie an der Charité. Eine reguläre Intensivstation sei tagsüber laut und schummrig wie eine Bahnhofshalle. „Dadurch schlafen die Patienten nachts schlecht, müssen oft medikamentös beruhigt werden, sind tagsüber aber total erschöpft“, sagt die Professorin. Deshalb könnten die Kranken nicht so richtig mobilisiert werden, die Heilung sei behindert. Die Intensivpatienten in den neu gestalteten Räumen brauchen weniger Schlaf- und Schmerzmittel. Ob auch die Häufigkeit von gefährlichen Verwirrtheitszuständen, sogenannten Delirien, zurückgeht, soll eine Studie klären. Ein perfekt ausgestattetes Zimmer würde nur 10 bis 20 Prozent mehr kosten, sagt Thomas Willemeit vom Architekturbüro Graft. „Wenn der heilende Effekt erst wissenschaftlich nachgewiesen ist, wird sich das weiter durchsetzen.“ Kein Mensch würde ein Röntgengerät akzeptieren, das 80 oder 100 Jahre alt sei, aber bei den Krankenhausbauten nähmen wir das hin. Das erste deutsche Krankenhaus, das von Grund auf nach wissenschaftlichen Erkenntnis sen der heilenden Architektur geplant und gebaut wird, entsteht in Freiburg. 2021 soll die neue Uni-Kinderklinik fertig sein. Sie wird zugeschnitten auf den „Eltern-Kind-Patienten“, weil meist auch Vater oder Mutter anwesend sind. „Wir brauchen die Eltern, um gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen und – natürlich – um das kranke Kind zu stützen“, sagt Charlotte Niemeyer, die Ärztliche Direktorin der Klinik. Auch die Gesundheit der Eltern müsse erhalten werden, denn manche Familie stehe vor einer Zerreißprobe. Das gehe nicht mit einem Klappbett, das abends ins Zimmer gestellt und morgens um sechs wieder weggeräumt wird, weil es den Pflegern im Weg steht. Nischen für Mama oder Papa Die Freiburger haben Spendengelder gesammelt und das Büro Kopvol aus Rotterdam mit der Vorplanung beauftragt. Architekturpsychologin Tanja Vollmer und Architektin Gemma Koppen haben Zimmer entwickelt mit einer festen Schlafnische für Mama oder Papa, die mit einem flexiblen Paravent abgetrennt werden kann. Die Pläne sehen Blickachsen für Nähe, Kontrolle und Ablenkung vor. Mittelpunkt der Klinik bildet ein „REN-Cluster“, der „Raum für Entwicklung und Normalität“. Weil in Deutschland der Klinikbau bis auf den Quadratmeter genau reglementiert ist, haben die Planer den Platz der gewöhnlichen Aufenthaltsbereiche von drei Stationen zusammengelegt und eingeteilt in Zonen zum Essen, Lernen, Arbeiten und Spielen sowie für psychosoziale Therapien und Sportangebote. Von einer DIN-Norm für heilende Architektur, nach der sich jeder Bauherr richten kann und muss, träumen die Fachleute. „Für Technik und Medizin gibt es diese Normen, für die Patientenversorgung aber nicht“, meint Klinikdirektorin Niemeyer. „Wenn ein Techniker sagt, da muss ein Lüftungsschacht hin, wird nicht diskutiert. Wenn ich sage: Die Psychologenzimmer können nicht in den Keller, bedarf es längerer Erklärung.“ Die Hochleistungsmedizin vermag viel, betont die Professorin. Aber die Frage sei: Wie hält der Mensch sie aus? Dabei kann die Architektur sehr hilfreich sein.

„Die neue Gesundheitsarchitektur“ (Quelle: FOCUS 48/17 vom 25. November 2017)

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Univ.-Prof. Dr. med. Claudia Spies

Klinikdirektorin (CCM/CVK)CharitéUniversitätsmedizin Berlin
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13353 Berlin

Postadresse:Augustenburger Platz 113353 Berlin

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