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07.08.2017

Albtraum nach der OP

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Delirium auf der Intensivstation

Das Gehirn vieler Menschen spielt verrückt, wenn sie nach einer Bewusstlosigkeit auf der Intensivstation erwachen. Dieser Zustand ist keinesfalls harmlos, sondern kann Körper und Geist langfristig schaden.

Von Christina Berndt

Die Kabel an der Wand begannen plötzlich zu leben. Wie Schlangen kringelten sie sich durchs Krankenzimmer, der ganze Boden wimmelte von kriechendem Getier. Wie nur sollte er je wieder aus dem Bett kommen?, fragte sich Michael Felli. Er müsste dann ja durch die wabernde Masse unheimlicher Wesen hindurch. Panik machte sich in ihm breit. Erst wenige Tage zuvor war er nach einer Streptokokken-Infektion mit einem septischen Schock in ein Krankenhaus gebracht worden. Und als er wieder zu Bewusstsein kam, drohte der nächste Schock. Sein Gehirn war zu einer Produktionsfabrik für Horrorfilme geworden.

Wie bei dem österreichischen Arzt Michael Felli spielt das Gehirn vieler Menschen verrückt, wenn sie aus der Bewusstlosigkeit erwachen. Auf der Intensivstation sind 50 bis 80 Prozent aller Patienten betroffen, nach einer geplanten Operation immerhin noch ein Fünftel der Älteren. Dann schafft sich das Gehirn seine eigene Realität. Was Wirklichkeit und was Fiktion ist, können die Patienten nicht mehr erkennen. Sie erleiden ein Delir, eine organisch begründete Psychose, umgangssprachlich auch Delirium genannt. Auf der Intensivstation funktioniert das ganz ohne Alkohol.

Die Patienten sehen Monster, riesige Tiere oder böse Menschen am Krankenbett

Oft sind es albtraumartige Szenen, die sich vor dem inneren Auge der Betroffenen abspielen. Die Patienten sehen Monster, riesige Tiere oder böse Menschen an ihrem Krankenbett, sie haben Existenzängste oder erkennen in ihren Angehörigen bedrohliche Figuren. Nur selten erlebt jemand ein großes Glück, so wie ein Patient, der fest davon überzeugt war, im Hafen Gold im Wert von 400 000 Euro gefunden und das Geld auf sein Konto eingezahlt zu haben. Erst ein Gespräch mit seinem irritierten Bankberater überzeugte ihn davon, dass sein Gehirn ihm das alles nur vorgegaukelt hatte.

Mehr und mehr erkennen Ärzte, wie dramatisch ein Delir für die Patienten sein kann und wie folgenreich. Viele Jahre lang wurde der angsteinflößende Zustand als "Durchgangssyndrom" bagatellisiert - als müssten Kranke auf dem Weg aus der Bewusstlosigkeit ins Wachsein so etwas zwingend durchlaufen und als wäre danach alles wieder wie früher. Doch beides stimmt nicht. Ein Delir lässt sich sehr wohl verhindern, und keineswegs alle Patienten erholen sich vom Irrlichtern ihres Gehirns. Nach einem Jahr hat noch jeder Fünfte aller älteren Delir-Patienten kognitive Störungen, sie leiden am "Post Intensive Care"-Syndrom, kurz PIC. Auch körperliche Behinderungen und seelische Krankheiten sind häufige Langzeitfolgen, allerdings gibt es kaum präzise Zahlen, weil das Phänomen bis heute zu wenig untersucht ist. Dafür haben Intensivmediziner die Dramatik viel zu lange übersehen. Hauptsache, wieder ein Leben gerettet. Wie dieses Leben aussah, war sekundär.

Süddeutsche Zeitung Nr. 179, Samstag/Sonntag; vom 05./06.08.2017

Aufgerüttelt hat der Geriater Wesley Ely von der Vanderbilt University in Nashville seine Kollegen in aller Welt. Das Delir schädige Körper, Geist und Seele, sagte Ely. Ärzte hätten deshalb die Pflicht, diese "akute Dysfunktion des Gehirns" einzudämmen. Es zu übersehen, sei nichts anderes als ein Behandlungsfehler.

"Man muss sich klarmachen, dass die Türen zur Intensivstation wie ein Rangiergleis sind", sagt Nathan Brummel, ein Mitarbeiter Elys. "Nach dem Durchtritt wird das Leben vieler Patienten für immer verändert sein." Dabei hängt es von der individuellen Verfassung ab, wie ein Aufenthalt auf der Intensivstation verläuft - und ob und wie schnell sich ein Patient wieder erholt. "Wer schon vorher Demenzsymptome zeigt, hat ein stark erhöhtes Risiko für Probleme", sagt Brummel. Seinen Studien zufolge kommen nur 44 Prozent der Patienten ganz ohne Auffälligkeiten durch einen Intensiv-Aufenthalt, vier Prozent dagegen zeigen sie gleich in allen Bereichen: physisch, psychisch und kognitiv.

Claudia Spies hat schon so viele schlimme Schicksale gesehen: Die Chefin der Klinik für Anästhesiologie an der Berliner Charité erinnert sich an eine Anwältin, die nach einem Delir nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten konnte, an einen Musiker, den die vielen Noten seiner Partitur überforderten, und an einen Schauspieler, der sich für seine Rollen keine Texte mehr merken konnte. Ärzte müssten daher ein Delir möglichst früh erkennen und behandeln, sagt Spies: "Zeit ist Gehirn." Je länger ein Patient in diesem akuten Verwirrtheitszustand verbringe, desto größer sei die Gefahr, dass sein Gehirn für immer in Mitleidenschaft gezogen wird. Dass auch Jahre nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation Geist und Körper leiden.

Fast jeder hat schon einmal von einem älteren Menschen gehört, der agil und fit war - bis er ins Krankenhaus musste. Manchmal ist es nur ein kurzer Aufenthalt, manchmal auch ein großer Eingriff, etwa eine Hüft-Operation. Danach sind manche Senioren ein Schatten ihrer selbst. Die agile Loki Schmidt starb vier Wochen, nachdem sie sich 2010 zu Hause ein Sprunggelenk gebrochen hatte. Auch sie erlitt nach der Operation im Krankenhaus ein Delir, von dem sie sich nicht mehr erholte. Die Knochen waren repariert, aber das Gehirn hatte einen unheilbaren Schaden erlitten.

Senioren und Kinder leiden besonders häufig, doch ein Delir kann auch Menschen treffen, die mitten im Leben stehen, so wie Michael Felli im Alter von 46 Jahren. Als Arzt wusste er all das, als er im Februar 2016 aus seinem Schockzustand erwachte. Vielleicht hat ihn das geschützt. Denn trotz der Angst, die ihm das Gewusel auf dem Boden machte, ahnte er zugleich, dass die Schlangen vielleicht doch nicht echt sind. Er schmiedete einen Plan, um die Wahrheit herauszufinden: Wenn jetzt gleich die Krankenpflegerin kommt, würde sie über die Schlangen stolpern?

Felli hatte Glück, das Delir hatte sein Gehirn noch nicht ganz erfasst. "Auch wenn ich die merkwürdigsten Dinge sah: Ich hatte immer einen kleinen Kritiker im Hinterkopf, der fragte: Kann das denn wirklich sein?" Als die Krankenpflegerin ohne Probleme durch das Schlangennest am Boden spazierte und kein einziges Mal aus dem Tritt kam, da wusste Felli, dass die Reptilien nur in seinem Kopf existierten. Die Einsicht löste das Getier allerdings nicht auf; es kamen sogar immer neue Bilder hinzu: Ameisen liefen über die Zimmerdecke. Die Arzthandschuhe auf dem Seitentisch wurden lebendig. Und der Stapel Wäsche, den ihm seine Frau gebracht hatte, verwandelte sich plötzlich in einen Spion, der ihn beobachtete.

Durch die veränderte Hirnchemie werden Nervenzellen zerstört

Weshalb ein Delir im Krankenhaus entsteht, wissen Ärzte bis heute nicht so genau. Sicher ist: Das Gehirn ist ein empfindliches Organ. Wahrscheinlich nimmt es Schaden, wenn es von Narkosemitteln, Schmerzbotenstoffen und Entzündungsmolekülen überflutet wird. Durch die veränderte Hirnchemie werden Nervenzellen zerstört. Stresshormone verschlimmern das Ganze, das Gefühl des Verlassenseins, der Verlust der vertrauten Umgebung, Angst und schlechter Schlaf steigern das Risiko für ein Delir. Deshalb ist es so wichtig, dem Patienten rasch seinen gewohnten Rhythmus wiederzugeben und die Erinnerung an sein Leben.

Michael Felli wusste, dass er etwas gegen die Schlangennester und die Dämonen aus der Handschuhpackung unternehmen musste, sonst würde es immer schlimmer werden. Mit Macht versuchte er im Hier und Jetzt zu bleiben. Also musste er auch wissen, wo das ist: hier. Und wann das ist: jetzt. Routinen auf der Station nutzte Michael Felli zur Orientierung: Wann kommt der Physiotherapeut, wann ist Visite? Es gibt wieder Abendessen? Ah, dann ist wohl wieder ein Tag vorbei. Die Zeit von einer Uhr abzulesen schaffte er nicht mehr. "Ich habe mich dann daran erinnert, wie ich es meinem Sohn beigebracht habe: großer Zeiger, kleiner Zeiger", sagt Felli. Und lernte es so selbst erneut.

Süddeutsche Zeitung Nr. 179, Samstag/Sonntag; vom 05./06.08.2017

Zu wissen, welcher Tag und welche Stunde gerade ist, hilft Patienten enorm, sich in der Realität zu verorten. Doch die meisten Intensivstationen bieten wenig Orientierung, meist sind sie sogar fensterlos, sodass nicht einmal das Tageslicht in die Räume dringt.

Noch dazu ist der Lärm oft ohrenbetäubend, es ist so laut wie an einer viel befahrenen Straße. Das trägt zusätzlich zum Stress bei. Die Berliner Anästhesistin Claudia Spies versucht deshalb die Geräusche auf ihrer Intensivstation zu reduzieren und den Intensivzimmern Behaglichkeit zu geben. Vier Räume hat sie mit Fördermitteln des Bundeswirtschaftsministeriums so umgebaut, dass kranke Menschen darin hoffentlich nicht noch kränker werden. Wer eines dieser Zimmer betritt, erlebt eine erlösende Ruhe. Kaum etwas piept, surrt und pfeift. Die Geräte sind hinter holzverkleideten Wänden versteckt, manche sind sogar im Observationsraum untergebracht, der durch eine Glasscheibe vom Krankenzimmer getrennt ist. Wenn ein Apparat Alarm auslöst, ertönt der nebenan und nicht direkt am Krankenbett.

In ihrem Bett haben die Patienten zumindest ein wenig Privatsphäre. Sie sind umgeben von Regalen, auf denen neben Uhr und Kalender auch Fotos aus besseren Zeiten stehen. Der Partner oder die Partnerin, die Kinder oder Eltern, Aufnahmen von besonderen Momenten oder vom geliebten Hobby: So bekommt der Patient sein Leben, seine Geschichte zurück. "Solche Fotos haben mich verankert", sagt Michael Felli. "Ich habe mir klargemacht: Das ist die Realität, nicht die Albträume." Dann seien die schrecklichen Bilder seltener vor seinem inneren Auge aufgetaucht.

50 Prozent

aller Patienten erleiden auf der Intensivstation ein Delir, manchen Studien zufolge sogar 80 Prozent. Bei einem geplanten Aufenthalt kann man vorbeugen: Vor der Operation viel trinken, Fotos der Liebsten einpacken, Ärzten die Liste aller Medikamente vorlegen, die man nimmt. Nach der Operation sollte man das Gehirn fordern - zum Beispiel mit Rätseln, sich Uhrzeit und Datum bewusst machen, sich möglichst viel bewegen und Gewohnheiten beibehalten - etwa seine Zeitung lesen.

Ersten Pilotstudien zufolge ist das Delir-Risiko auf den umgebauten Intensivzimmern geringer als auf der üblichen Station. Auch Programme wie das in den USA entwickelte "Hospital Elder Life Program" (HELP) senken die Gefahr für ein Delir. Hier erhalten Patienten nach der Operation einen Begleiter, der ihnen Orientierung bietet. Er sorgt dafür, dass sie Brille, Hörgerät und Gebiss griffbereit haben; er redet mit ihnen und bietet Anregungen. Mehrmals täglich machen die Patienten kognitive Tests. Sie müssen zum Beispiel bei jedem "A" den Arm ihres Pflegers drücken, wenn dieser ANANASBAUM buchstabiert. "Auf diese Art fällt es leicht auf, wenn etwas nicht stimmt", sagt Claudia Spies.

Früher haben die Patienten den überraschten Ärzten in der Charité manchmal gesagt: Wissen Sie eigentlich, dass exakt 438 Löcher in der Zimmerdecke sind? Die Kranken hatten vor lauter Langeweile das Muster in den Deckenfliesen gezählt. Heute blicken die Patienten in den neuen Intensivzimmern stattdessen auf riesige LED-Bildschirme über ihrem Bett. Darauf ziehen Wolken vor einem blauen Himmel vorbei, Blätter bewegen sich im Wind, die Helligkeit der Zimmerdecke passt sich der Tageszeit an. Zugleich dient die Decke als Bildschirm, auf dem die Patienten Glühwürmchen fangen können - zur Unterhaltung, aber auch als kognitives Training. "Wie wichtig Anregung, Wohlfühlen und Ruhe für die Genesung sind, kennen wir von Neugeborenen-Stationen", sagt Claudia Spies. "So etwas brauchen wir für die älteren Menschen auch."

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